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30 Jahre GRÜNE in Essen - Teil 2
Ein Interview von Walter Wandtke mit Udo Steinhauer
- seines Zeichens 1980 Gründungsmitglied der Essener Grünen:
Anno 1979 und 1980, in den Anfangsjahren der Grünen, wurden noch die Grenzen des inneren Spektrums ausgelotet. Welche Gruppen aus der Umweltbewegung können dazu gehören, welche Positionen bringen grün gedachten Naturschutz in autoritäre Richtung braun gefärbter Volk und Heimatschütze? Wie ist Basisdemokratie mit der Vergangenheit ehemaliger Kommunisten vereinbar, die viele Jahre in zentralistischen Kadermentalität und dem Traum einer Diktatur des Proletariats verbracht hatten?
Eigentlich war die Grüne Mischung der ersten Grünen Jahre explosiv und es ist ein Wunder, dass trotz kleinerer Abspaltungen dieser neue „Laden“ nie ganz auseinander flog. „Wir waren jung und wollten es wissen!“ so beschrieb Udo Steinhauer das Gefühl währende des Parteigründungsprozesses.
Walter Wandtke:
Die Stichworte „Zinkstraße“ und „Panzerbauwald“ markieren wichtige Umweltstreitthemen der frühen achtziger Jahre, insbesondere in Borbeck und Dellwig. Wie seit ihr mit solchen konkreten Auseinandersetzungen umgegangen, um Grüne Zeichen für eine neue Umweltpolitik zu setzten?
Udo Steinhauer:
Nun erst einmal hatten wir ja ganz konkrete Ziele, die wollten wir basisdemokratisch bestimmen und dort die Grenzen neu ausloten. Bezogen auf den Borbecker Raum ging es beim „Panzerbauwald“ um ein klassisches Gewerbegebiet, in dem über 40 Jahre lang die Natur sich hatte frei entwickeln können. Dieser Bereich war aber stark beeinflusst von Emissionen der Bergeborbecker Aluminiumhütte. Der Panzerbauwald in Bergeborbeck hatte bis dahin insbesondere die Abgase der Alu-Hütte und die Emissionen der Bottroper Kokerei Prosper soweit wegfiltern können, dass das Borbecker Zentrum davon weitgehend verschont wurde. Dieser Wald sollte abgeholzt und als Gewerbegebiet bebaut werden. Da haben wir damals gesagt – das geht so nicht. Gegen diese Planungen haben wir dann eine Ausstellung im Schloss Borbeck organisiert, über die in der Presse auch berichtet wurde..
W:
Da waren bestimmt die tapferen Borbecker Nachrichten mit an vorderster Front?
U :
Ja genau, aber in die wichtigere lokale Presse von WAZ und NRZ drang so gut wie nichts durch, die waren fast wie gleichgeschaltet. Bis es dort dann eines Tages einen jungen Volontär gab, der dieses Thema dann über mehrere Seiten aufbereitete. Der Streit um das geplante Gewerbegebiet im „Panzerbauwald“ war dann unweigerlich auch mit der dort besonders häufig verbreiteten Lungenkrankheit „Pseudokrupp“ verbunden.
W.:
Ich glaube, heutzutage ist vielen LeserInnen der Vorgeschichte dieses Panzerbauwaldes nicht mehr geläufig. Deshalb ein knapper Hintergrund: Bis Kriegsende 1945 war dort in gigantischen Tiefbunkern der Kruppsche Panzerbau beheimatet. Nach dem Krieg wurden diese massiven Bunker nicht gesprengt, sondern sich selbst überlassen, liefen einerseits voller Wasser, während sich auf den Dächern bis Mitte der achtziger Jahre Pflanzen und Tiere ansiedelten. Planungsrechtlich war es aber Gewerbegebiet geblieben.
U.:
Aber aus diesem sogenannten „Sukzessionswald“ war trotzdem ein lebendiger echter Wald entstanden, den man sehen konnte, und dessen Tiere auch zu hören waren. Außerdem hatten dort die Baracken etlicher tausend Zwangsarbeiter gestanden, bis zum April 1945 für die deutsche Rüstungsindustrie hatten schuften müssen. Diese oberirdischen Anlagen und Hallen waren später demontiert worden und es entstand eine Industriebrache. Deshalb war dieser Panzerbauwald dann in den achtziger Jahren auch alles andere als ein klassisches Gewerbegebiet. Deshalb kann diese Auseinandersetzung auch nicht in die Tradition anderer sonst üblicher Debatte um die Neuausweisung von Gewerbeflächen gestellt werden.
Die Natur über den teilweise mehr als meterdicken Betondecken war wildromantisch. Die Borbecker kannten das, und liebten ihren „Panzerbauwald.
W.:
Dann darf man also festhalten, dass sich an und in diesem Panzerbauwald die Umweltbewegung in Essen hochgezogen hat, bzw. lokalpolitisch auch mitgewachsen ist. Wenn es hier auf Essener Ebene den verbindenden Punkt verschiedener Umweltgruppen in der Stadt gab, möchte ich doch noch zu den großen bundespolitischen Themen kommen. Immerhin leben wir hier in der Höhle der Löwen der Atomwirtschaft. Wir haben die RWE -Zentrale und die Stadt Essen ist auch noch bedeutender Aktionär dieses Atom-, Braun- und Steinkohle-Energiekonzerns. Welche Rolle spielte denn der Kampf gegen neue Atommeiler wie Brokdorf oder Kalkar, gegen den Atom-Staat überhaupt, für euch Grüne Gründerväter?
U.:
Brokdorf hatte einen riesigen Mobilisierungsfaktor. In der Wohngemeinschaft in der ich lebte, ist man natürlich dorthin demonstrieren gegangen. Aber dann ist man abends auch wieder nach Hause gekommen. Das hatte mit der praktischen politischen Arbeit vor Ort wenig zu tun.“Atomstaat nein danke!“, das war das übergeordnete Symbol, auch für den ersten Europawahlkampf der Grünen 1979. Uns ging es jetzt darum, diesen Kampf auf mehr Füße zu stellen, die normalen Bürger mit diesen Problemen anzusprechen.
Wir hatten dann auch Anti-Atom-Initiativen, die sich besonders an Bürger richteten, die z.B. Angst um ihr Eigentum hatten. Wie viel ist mein Häuschen denn noch wert? Wenn in der Nähe ein Atomkraftwerk errichtet wird, kann ich das überhaupt noch weiter verkaufen? Bei den Linken war immer nur von Enteignung die Rede. Dass die Enteignung quasi von oben, durch den möglichen „Fall out“ der Atomkraftwerke drohte, das war bei den Linken kein Thema. Indem wir solche Gefühle ernstnahmen, hatten wir diese Menschen auf einmal gewonnen.
W.:
Vor dreißig Jahren war die Politik der sogenannten K-Gruppen, der Kommunisten in unterschiedlichen Kleinparteien, gerade beim Atomthema insgesamt sehr widersprüchlich. K-Gruppen verbreiteten meistens die Perspektive, mit Atom-Kraftwerken gesund und staubfrei unsere Energieprobleme lösen zu können:
U:
Ich erinnere mich an Gespräche z.B. mit Vertretern der DKP, die sagten: Natürlich demonstrieren wir da in Westdeutschland mit. Aber in der DDR ist das alles glänzend geregelt, da gehören die Atomkraftwerke ja auch dem Volk. Ich war dabei doch sehr skeptisch. Wie sich dann ja auch herausgestellt hat ( Tschernobyl), ist das eine ideologische und keine pragmatische Sicht der Dinge gewesen.
Das war der Vorteil der Bürgerinitiativen, dass man sich sachkundig machte und auch das Recht dazu hatte. Es war vom System her möglich, hier Widersprüche zu haben und diese auch öffentlich zu äußern. Diese ganze Sache mit direkter Demokratie und so weiter, das war hilfreich für solche Initiativen.
W:
Da frag ich in dieser Richtung weiter. Atomstaat ist natürlich grünes Kernthema, aber heute geht`s auch um Bürgerrechte, Datenschutz, Wahlrechtsreformen, hattet ihr da auch was vorzuweisen?
U.:
Wir hatten damals auch Visionäre in unseren Reihen. Die sagten einerseits, dass Datenschutz sehr wichtig sei, die sahen aber auch die positiven neuen Möglichkeiten der neuen Medien, sei es „home office“ oder ähnliches. Das war in der Partei allerdings eine Minderheit, die das so sah.
W.:
Sonst war gegenüber der Umweltbewegung oft zu hören, sicher, Umweltschutz ist wichtig. „Ihr seid dabei aber schon technikfeindlich! Ihr wollt den Fortschritt verhindern!“ Ihr wollt zurück in die Steinzeit und der Strom kommt nicht einfach aus der Steckdose.
U.:
Die Gefahr solcher Gedankengänge bestand durchaus. Es existierten teilweise ja attraktive Angebote. Aus dem Spektrum aus dem ich komme, da haben sich viele für Landkommunen und ähnliches interessiert. Ich hatte das damals eher als eine rückwärtsgerichtete Bewegung gesellschaftlicher Entwicklung gesehen.
Mir war wichtig, auch die Industrie zu verändern. Ironischerweise haben wir damals gefordert, das Kapital muss zur Arbeit gehen. Tatsächlich ist das Kapital zur Arbeit gegangen und hat die Globalisierung entwickelt und wir müssen jetzt mit den Folgen leben. Insgesamt ist das aber eine interessante Entwicklung, weil die Verteilung des Wohlstands leichter als früher möglich ist. Darüber hinaus aber gilt, unser Wohlstand ist durch die globale Finanzkrise gefährdeter als in der Vergangenheit..
W.:
Finanzkrise - Das sind gegenwärtig doch die Themen, die Gruppen wie Attac , die gerade ihr 10-jähriges Jubiläum feiern durften - und andere ,schwerpunktmäßig aufgreifen. Ich erinnere mich an Kritiken zur Grünen Parteiwerdung, die als Hauptvorwurf sagten, mit dem Prozess von der Bewegung zur Partei grenzt ihr wichtige Gruppen aus. Trotz grundsätzlich gleicher fortschrittlicher Zielsetzung schwächt das die Geschlossenheit für gesellschaftliche Veränderungen.
U.:
Es gab tatsächlich Ausgrenzung. Ich denke an die Diskussion um die Doppelmitgliedschaft. Es gab heftige Diskussionen darum, ob auch Organisationen Mitglied der Grünen Partei werden könnten. Ich sah es aber so, dass eine Reihe von Leuten Angst hatte, sich einfach nicht für etwas Neues entscheiden konnte, und darum lieber ihre alte Organisation im Rücken behalten wollten. Das Parteiengesetz hat so etwas aber nicht zugelassen. Letztlich mussten die Menschen sich dazu bekennen, was sie denn wollten.
W.:
Jetzt haben wir die Vorgeschichte der Grünen Parteigründung mit ihren Gruppenprozessen dargestellt. Danach ist es von der Gründung 1980, über den Einzug in den Bundestag im März 1983, bis zur Stadtratsfraktion einer Grün-Alternativen Liste GAL im Herbst 1984 doch rasant schnell aufwärts gegangen. Was war das für eine Art von Aufbauarbeit der Partei?
Immerhin war die GAL doch der Versuch, ein lokalpolitisches Bündnis zu schmieden, das weit über die Grüne Parteimitgliedschaft hinausgehen sollte. Über 2 Ratsperioden stand diese GAL, die gleich mit über 7% in den Rat eingezogen war, zumindest im eigenen Selbstverständnis für Positionen, die sich etwas links vom Grünen Main-Stream verorteten.
U.:
Also dieser Einzug in den Stadtrat war 1984 ja ein Riesenerfolg. Da hatten wir aber bereits die Erfahrung einer gewissen Eindeutigkeit aus der Zeit vorher. Wir wollten uns dem Parlamentarismus stellen und alle waren auch irgendwie damit einverstanden. Das hatte eine gewisse Aura, was die Wahl zu einer Art Selbstläufer machte.
W.:
Trotzdem gab es zu diesen Kommunalwahlen unterschiedliche Konzepte in unserer Stadtnachbarschaft. Teilweise kandidierten Grüne allein unter ihrem Namen, in Essen im breiteren Bündnis als GAL, aber in Konkurrenz zur DKP, in Oberhausen als „Bunte Liste“ ausdrücklich unter Einschluss der DKP. Waren das nicht eher verwirrende Positionen?
U.:
Ich hab ja erlebt, welches Organisationstalent die Kommunisten aufbringen konnten. Viele davon sind als Einzelpersonen später auch Mandatsträger, auch im Bundestag, geworden. Sie haben sich in diesen Prozessen auch selbst verändert. Ich denke aber, dass Kommunisten in der Regel Schwierigkeiten mit der Basisdemokratie haben. Den demokratischen Zentralismus, die Diktatur des Proletariats, das fanden die ja gut. Wir fanden das falsch. Die gehörten dann so in die Partei auch nicht rein. Die mussten dann nicht erklären, ob sie z.B. aus dem KBW ausgetreten sind, aber indem sie den Grünen beigetreten waren, wurde das veränderte Wertesystem klar. .Viele alte Ex-Kommunisten haben bei den Grünen dann ja durchaus Karriere gemacht.
W.:
Die Entwicklung hatte wohl viele Facetten, ob es eine trotzkistische Vergangenheit gab oder eine leninistisch-dogmatische. Wenn ich an den Grünen Bundestagsabgeordneten Ebermann aus Hamburg denke, der für sich immer darauf beharrte, Kommunist geblieben zu sein und schließlich sein Bundestagsmandat abgab und aus den Grünen wieder austrat.
U..
Das war eine heftige Zeit. Bei Ebermann gab es ja den KB, den Kommunistischen Bund als früheren Hintergrund. Er war auf jeden Fall so ehrlich, dass er sagte, mit mir nicht. Dieses Recht ist ihm ja unbenommen.
W.:
Bei unseren Nachbarn in Oberhausen hatte die Bunte Liste in Zusammenarbeit mit der DKP doch 10 Jahre gehalten. Hier im Essener Norden hatten wir ebenfalls zwischen Karnap, Altenessen und Stoppenberg in den Stadtbezirken 5 und 6 über 10 Jahre eine Bürgerliste-Nord, in der ganz förmlich neben parteiungebundenen BürgerInnen sowohl Grüne, wie die DKP, integriert waren. Das brachte manchmal Schwierigkeiten, war aber nicht unbedingt eine Katastrophe. Zumindest auf der bezirklichen Ebene hatte das ganz gut gekappt, die Schwierigkeiten ergaben sich erst in den Gegensätzen der den höheren Politikebenen.
Bei diesem rasanten Weg von einer noch chaotischen Kreisverbandsgründung, zu einer Stadtratsfraktion, die auch dort politisch etwas bewegen kann, was ist dabei dein Part. Du bist doch wahrscheinlich einfach zahlendes Grünes Mitglied geworden?
U.:
Ja, ich hatte auch anderes gemacht. Ich habe eher im Hintergrund gewirkt. Das war so meine Rolle. Ich war mal Pressesprecher, anderes weiß ich gar nicht mehr so genau. Aber ich hatte keine Vorstandsposten, das hatte ich damals abgelehnt. Ich fühlte mich einflussreicher, wenn ich mich anderswo aufstellte. Und ich hatte noch andere Ziele. Ich wollte mich politisch nicht so verausgaben, dass ich keine Kraft mehr hätte, meinen Beruf gut zu machen. Man kann nicht an zwei Enden gleichermaßen gut brennen. Irgendwann wird man dann aufgezehrt. Man muss sich entscheiden.
W.:
Welche Menschen sind dir denn aus den Anfangsjahren noch in Erinnerung, die die Politik hier im Kreisverband geprägt haben und die vielleicht sogar die ganzen 30 Jahre durchgehalten haben?
U.:
Das war z.B. Manfred Dullien, der am Anfang Kreisverbandssprecher war, aber das war die kommunale Ebene: Manfred hat sich dann landesweit dazugesellt, aber er hat da keine weitere Position mehr gekriegt. Da waren andere Leute wie Wilhelm Knabe.,Da war Schütz, der war Porschefahrer, das war damals so eine Art Provokation für uns, wie man als Grüner Porsche fahren konnte. Aber er setzte sich auch energisch ein, das muss man schon sagen.
Dann ging das aber bald in diese große Kiste rein, mit Beuys, mit Rudi Dutschke. Für uns war es eine große Bestätigung, dass diese Leitfiguren der Linken auf einmal bei den Grünen alle mitmachten.
W.:
Der Rudi Dutschke ist ja dann leider schon im Dezember 1980 gestorben. Er war aber tatsächlich richtiges Mitglied bei den Grünen?
U.:
Ja war er.
W.:
Beuys ist dann ja beim Grünen Bundesparteitag gescheitert. Er wollte ein Bundestagsmandat haben, und das hat ihm die Versammlung nicht gegeben. Da war er wohl etwas enttäuscht.
U.:
Tja, bei den ganzen Konzepten, die der hatte, aber er war ein schillernder Typ.
W..
Wir bringen jetzt eine Menge ins Spiel. Aber das, was zumindest in den letzten 20 Jahren Grüne auch ausmacht, Quotierung, Fragen der Gleichberechtigung von Männern und Frauen fehlt bisher. Es ging bisher nur um Männernamen. Haben Frauen, zumindest was den Essener Grünen Kreisverband betrifft, keine Rolle gespielt?
U.:
Es gab Frauen, die haben sich aber nicht so reingehängt. Marion Trautmann, die hat das getan. Ssie war auch eine Frau der ersten Stunde. Dann gab es die Renate Hake-Neuser. Die haben aber mehr im künstlerischen Bereich gearbeitet. Die haben ihre Ideen zur Verfügung gestellt, waren aber nicht aktiv, um eine Parteiorganisation aufzubauen..
W.:
D.h. die Frauenpolitik hat erst eine Rolle gespielt bei der Gründung der GAL. Bei der Listenaufstellung zur Kommunalwahl 84, als es heftige Kämpfe um Quotierung und Gewichtung der Genderfragen gab, war dieses Politikfeld dann wohl in Essen angekommen.
U.:
Das war eine sehr wichtige Entwicklung, diese Probleme dann zu lösen und die Kraft der Frauen für die Entwicklung zu nutzen. Ich fand das eigentlich ganz gut, dass die dann an erster Stelle standen. Zuerst eine Frau, dann kam ein Mann.
W.:
Das ist ja bis heute noch so in unserer Parteisatzung verblieben.
U.:
Das war auch ein Stück positiver Diskriminierung – aber es war hilfreich. Da ist eine Kraft daraus entstanden, weil Frauen dann auch in die Verantwortung hereinkamen. Das hatte ich immer gemerkt, dass sie sich oft nicht trauten, dann Dinge und Forderungen auszusprechen. Mit der Zeit kam das dann aber und inzwischen ist es selbstverständlich. Es hat in diesen 30 Jahren ein Stück Kulturrevolution stattgefunden, dass Frauen da richtig reingekommen sind und das Feld auch bestimmen.
W.:
Kernfelder grüner Politik sind Umweltschutz, Gleichberechtigung. Aktuell ist jedoch der Umgang mit Migration und Integration ein wesentlicher Punkt grüner politischer Arbeit.. War das Hinarbeiten auf eine tolerante multikulturelle Gesellschaft anno 1980 schon ein Thema bei Grünen oder ist das erst später als Schwerpunkt dazu gekommen?
U.:
Als Lehrer bin da eingestiegen, und zwar schon vor 30 Jahren. Bei der Gründung der Gesamtschule Essen-Mitte, (die heutige Frida-Levy-Gesamtschule ) , ich glaube 1984, durfte ich einen sogenannten Ausländerschwerpunkt mitentwickelen. Das war aber mehr eine private Sache. Lehrer fühlten sich dafür eigentlich nicht zuständig. Man konnte Deutsch oder man konnte kein Deutsch. Und wenn man kein Deutsch oder nur schlecht Deutsch konnte, dann wurden Lehrer beauftragt, das irgendwie zu klären und die anderen Institutionen waren aus der Verantwortung raus.
Da findet erst heute eine Veränderung statt. Ironischerweise ist es eine konservative Regierung, die diese Probleme ernstnimmt und durchsetzt, dass jeder Lehrer lernt, wie mit Schülern umzugehen ist, die hier Schwierigkeiten haben. Die das Lernen auch anders verstehen, die sehen, das Schüler auch etwas können. Das alles ist eine relativ frische Geschichte..
W.:
Da müsste dann auch zugegeben werden, dass Migrationsthemen in den ersten Jahren bei den Grünen nicht unbedingt ein Thema waren.
U.:
Das war tatsächlich kein Thema. Es wurde bei Grünen allerdings gesehen, dass Deutschland eine Einwanderungsgesellschaft geworden war. Als es darum ging, sich mit der von der CDU angestifteten deutschen Leitkulturdebatte, Einbürgerungen und dem dahinter stehenden Staatsrecht auseinander zu setzen, waren Grüne schon aktiv. Lange gab es in der Gesellschaft eine doppelte Lebenslüge, weil auch die Seite, die eingewandert war, daran glauben wollte, dass man wieder zurückginge.
W.:
Ich möchte noch ein weiteres Thema der achtziger Jahre ansprechen. Die Friedens- und Ostermarschbewegung gegen den Nato-Doppelbeschluss und die riesigen, erstmals in der BRD 100000 und mehr Menschen umfassenden Demonstrationen gegen weitere Pershing und SS 20 Raketen waren doch ein klassischer Bestandteil des grünen Politikalltags.
U.:
Das war ein ganz wichtiger Mobilisierungsfaktor, da fühlte man sich dann zuhause, das war so etwas, wo man auch mit marschierte. Bei den Ostermärschen noch nicht, aber bei den Friedensdemos. Aber es war auch immer klar, die Pershings sind das eine, die SS 20 das andere. Das hatte immer ein doppeltes Gesicht. Man konnte etwas machen gegen die Pershings. Ich glaube auch, dass es einen Einfluss auf östliche Gesellschaften hatte. Die Entscheidungsträger drüben Fragten dann, was ist denn da los, die machen da was. Die mussten dann überlegen, vielleicht selbst etwas lockerer zu lassen. Das war ja vorher eine völlig verfahrene Kiste.
W.:
Naja mit den eigentlich immer noch bekannten Parolen „Schwerter zu Pflugscharen“, die wie ich glaube von Bert Brecht stammen, sind wir dann schon bei der DDR Bürgerrechts- und Friedensbewegung, wenn sie natürlich auch von Petra Kelly benutzt wurden..
Da sind wir aber an einem besonders neuralgischen Punkt. Unser Verhältnis zur Bundeswehr hat sich in diesen 30 Jahren doch außerordentlich geändert. Es gibt unseren früheren Außenminister Fischer, der die Grünen mit Vehemenz dazu gebracht hat, Militäreinsätzen der Bundeswehr im Namen der Menschenrechte zuzustimmen. Hättest du dir 1980 eine solche Entscheidung der Grünen für Kriegseinsätze vorstellen können?
U.:
Das war undenkbar. Bundeswehr war zu der Zeit erst einmal ein Feindbild. Dann kamen dann ja Generale dazu, der Bastion und so weiter. Der hat sich nicht distanziert von der Bundeswehr, aber er ein Symbol dafür, dass sich so jemand auch einloggen kann bei den Grünen. Letztlich hat er ja die Kelly umgebracht. Sein Verhältnis zur Gewalt war durchaus nicht geklärt, durch die Lebenspraxis eben anders geklärt.
W.:
Bei der Grünen Positionsentwicklung zur militärischen Gewalt, die früher eigentlich nur als Selbstverteidigung akzeptiert wurde, erschreckt dich da ein Grünes Ja zur Bundeswehr am Hindukusch oder im Kosovo/Jugoslawienkrieg?
U.:
Wir haben am Angang im Grunde überhaupt kein Verhältnis zur Gewalt gehabt. Wir grenzten uns ab gegenüber unseren Vätern, die im 2. Weltkrieg den totalen Mist gebaut hatten. Diese Väter haben Deutschland im Grunde kaputt gemacht. Deutschland ist mit militärischem Denken so geschadet worden. Mit dieser Mentalitätsgeschichte unseres Landes musste die Entwicklung zwangsläufig in einer Katastrophe enden..
In der Gegenwart allerdings müssen wir ein erwachsenes, reflektiertes Verhältnis auch zur Gewalt finden.
W.:
Das reflektierte Verhältnis zur Gewalt bedeutet dann aber auch, Krieg wieder als Mittel der Politik zu legitimieren. Man nimmt bestimmte politische Grundsätze und erklärt dann in Afghanistan oder dem Kosovo ist Militärgewalt dann erlaubt. Gerade nach den Erfahrungen des Jugoslawienkrieges und des früheren SPD-Verteidigungsministers Scharping, der einen perfiden „Hufeisenplan“ der Serben gegen die Kosovaren aus der Tasche zog, der sich später als reine Erfindung herausstellte, muss man sagen, der Krieg für Menschenrechte ist oft sehr zweifelhaft geblieben. Das durch die Bundeswehr in Afghanistan veranlasste Bombardement gegen eine Dorfbevölkerung, die dort einen Tanklastzug ausrauben wollte, all das sind ja keine Notwehrhandlungen Deutschlands.
Nicht dieses tödliche Bombardement, aber diese Bundeswehreinsätze insgesamt sind ja mit weitgehender Grüner Zustimmung auf den Weg gebracht worden. In dieser Konsequenz haben der Grünen Partei dann viele frühere Aktive, die der Friedensbewegung nahestanden den Rücken gekehrt. War diese Trennlinie nötig?
U.:
Ich denke schon, dass diese Trennungslinie sein musste. Ich hoffe, wir betreiben jetzt eine ernsthafte Auseinandersetzung, wie wir mit dem Gewaltapparat umgehen können. Wir müssen über die Grenzen von Gewalteinsätzen reden. Vorher hatten wir damit doch nix zu tun. Wir konnten sagen, hm.hm.hm, das müssen die Amerikaner machen, die machen es ja sowieso. Die Generation existiert nicht mehr. Jetzt brauchen wir den eigenen Weg, eine selbstverantwortliche Haltung zur staatlichen Gewalt..
Ich erinnere mich noch an Debatten, die Otto Schily damals noch bei den Grünen führte. Es ging um das Gewaltmonopol des Staates, das eine ganz wichtige demokratische Errungenschaft ist. Gewalt darf eben nicht individualisiert werden. Es darf da nicht jeder agieren, wie es ihm in den Kram passt. Gerade im Inneren, im Bereich der Menschenrechte, müssen die Auseinandersetzungen klare Spielregeln besitzen, die erkennbar für jedermann fest umrissen sind. Im Grunde gilt das aber auch für unser Verhältnis zu anderen Staaten.
W.:
Deine Vorstellung des Erwachsenwerdens der Partei bedeutet also, den staatlichen Gewaltapparat nicht zu verleugnen, sondern lernen, ihn sinnvoll einzusetzen. Dass so dann ehemalige Grüne Mitstreiter aus der Friedensbewegung deshalb jetzt die Linkspartei wählen,,, müsste dann la wohl hingenommen werden.
U.:
Wenn ausgerechnet die Linkspartei, die doch auch in der Tradition der SED, mit ihrem völlig anderen, auch militärisch positiven Gewaltverständnis steht, jetzt grundsätzlich jedweden, selbst Blauhelmeinsatz der Bundeswehr ablehnt, bleibt das eine unglaubwürdige Position.
W.:
Nach dreißig Jahren hat sich bei Grünen auch in anderen Programmpunkten einiges geändert, sie sind vielleicht schon rundum arriviert. Siehst du trotzdem in der Grünen Programmatik oder im Alltagsstil der Partei noch wichtige
Elemente, die uns von anderen Parteien unterscheitet?
U.:
Ich sehe auf jeden Fall das Kerngeschäft und das ist die Klimakatastrophe. Noch gibt es ja andere Gruppen, die weiterhin bestreiten, dass es diese Katastrophe überhaupt gibt. In diesem Bereich sind Grüne nach wie vor ganz, ganz wichtig und müssen sich dort auch „setteln“. Wir müssen hier Antworten finden, die es zum Glück aus dem grünen Spektrum ja auch geliefert werden. Es ist ja nicht so, dass da in den vergangenen Jahrzehnten nichts passiert wäre.- die regenerativen Energien und optimierte Konzepte, wie sie in den Alltag einfließen können.
Unsere Grünen sehe ich auf keinem schlechten Weg. Wenn ich allerdings die derzeitige Regierung und ihre Neu-Debatte um verlängerte Laufzeiten der Atomkraftwerke erlebe, während immer noch keine Entsorgungslösung der AKW-Brennstäbe gefunden ist, bereitet das ernste Sorgen. Andererseits wird jetzt der Asse Salzstock für Atommüll – hoffentlich - saniert.
Es bleiben widersprüchliche Verhältnisse unter dieser schwarz-gelben Bundesregierung. Man denkt immer so an die FDP, an Steuersenkungen und an ihr Geld von Mövenpick. Ob das mit der Atom-Lobby und der FDP auch so glatt gehen wird, da warten wir doch noch mal auf Überraschungen, Bei den AKWs ist die FDP noch unentschieden..Das bleibt aber ein Intermezzo. Ich hoffeee doch, irgendwann sind die Grünen dann wieder mit im Boot, dann geht das parlamentarische Spiel anders weiter.
W.:
Damit wären wir fast wieder am Beginn grüner Geschichte, als die Debatte um parlamentarisches Spielbein und außerparlamentarisches Standbeim tobte. Kann es sein, dass mehr Bewegung auf der Straße wieder wichtiger wird, als ein schön formulierter, aber dann abgelehnter Antrag im Bundestag oder dem Rathaus?
U.:
Ich denke, wir da schon weiter gekommen. Selbst im konservativen Spektrum werden umweltpolitische Initiativen ernstgenommen, z.T. ja auch dort mitentwickelt. Die Grünen bleiben hier trotzdem wichtig. Das Themenspektrum der Grünen hat sich in vielen anderen Gruppen verwurzelt, damit allerdings auch gespreizt.
Es gilt jetzt wie vor 30 Jahren den Menschen klarzumachen, hier steht mit der Klimakatastrophe ein Thema an, das nicht nur intellektuell bearbeitet werden will. Wir müssen sie dafür gewinnen, daraus merkbare Konsequenzen im alltäglichen Lebensstil zu ziehen. Vielen ist klar, dass Mülltrennung ein Teil des Umweltschutzes ist. Viele betreiben ein bisschen privaten Umweltschutz aber wie einen Ablasshandel gegenüber den notwendigen großen Veränderungen..
W.:
Deine Antwort sagt mir, Grüne haben sich 30 Jahre nach Ihrer Gründung noch lange nicht überlebt. Ist die Erinnerung an die Essener Gründung auf der Margarethenhöhe für dich denn ein Anlass, eine Flasche Wein oder einen Sekt, natürlich aus biologischem Anbau aufzumachen? Oder meinst, so wichtig war dieses Datum denn doch nicht?
U.:
Ich denke schon, man sollte da auch eine Flasche Sekt aus biologischem Anbau aufmachen.
W.:
Mit diesem Ratschlag wollen wir unser Interview beenden. Ich danke Udo Steinhauer und wünsche ihm, dass er weiterhin nicht nur seine politischen Ideen in den Grünen, sondern auch das Wissen seiner Schüler und Schülerinnen gut pflegen kann.
Das Interview führte Walter Wandtke
Vorgeschichte
der Essener GRÜNEN 1978-1979
(Politarchäologe DR. MANFRED DULLIEN)
Frühjahr 1978 (NRW):
Gründung des Landesverbandes NRW der Grünen Liste Umweltschutz (GLU) als politische Partei
August 1978 (NRW):
Mitgliederstand GLU NRW: ca 140
August 1978 (bundesweit):
Spaltung der GLU in GAZ (Grüne Aktion Zukunft) und GLU. Spaltungsthema war (jedenfalls in NRW) die Angst der späteren GAZ-Leute vor kommunistischer Unterwanderung, die von der Rest-GLU nicht geteilt wurde
Herbst 1978 (Essen):
Gründung je eines Essener Kreisverbands von GLU und GAZ, mit nicht viel mehr als jeweils 7 Mitgliedern
Ab Dezember 1978 (bundesweit):
GAZ und GLU raufen sich wieder zusammen. Im Hinblick auf die Europawahl im Juni 1979 ziehen sie noch einige kleinere Gruppierungen hinzu und bilden eine „Sonstige politische Vereinigung“, erstmals unter dem Namen „DIE GRÜNEN“.
10.6.1979 (bundesweit):
„DIE GRÜNEN“ beteiligen sich an der Europawahl und bleiben unter 5%. (3,2%)
10.6..1979 (Essen):
Auch In Essen haben sich GLU und GAZ zum Europa-Wahlkampf als „DIE GRÜNEN“ zusammengerauft. Wahlergebnis: 2,7%.
Ab Juni 1979 (bundesweit):
Die in der „Sonstigen politischen Vereinigung“ zusammengeschlossenen GRÜNEN streben die Bildung einer gemeinsamen Partei an und öffnen sich auch für andere Strömungen, die politisch weiter links stehen („Alternative“, „Bunte Listen“, etc.).
Sommer 1979 (Essen):
Im Hinblick auf die Kommunalwahl im September fusionieren die beiden Essener Kreisverbände von GLU und GAZ endgültig zur „Wählergemeinschaft DIE GRÜNEN“
30.9.1979 (Essen):
Die Wählergemeinschaft „DIE GRÜNEN“ tritt in 23 von 42 Essener Wahlkreisen zur Kommunalwahl an. Wahlergebnis über ganz Essen gerechnet: 1,6 %. Wahlergebnis, wenn nur die 23 Wahlkreise mit den GRÜNEN au f dem Wahlzettel gerechnet werden: ca. 3%
24.11.1979 (Essen):
Mitgliederstand der Wählergemeinschaft DIE GRÜNEN: 47
Anfang 1980 (bundesweit):
Es kommt zur Gründung der Partei „DIE GRÜNEN“ auf Bundesebene.
Mit der Parteigründung kommen neue Strömungen (stärker linksorientiert) hinzu, die in der Folgezeit die Mehrheit in der Partei bilden.
inige ehemalige GAZ-Aktive sind mit der Entwicklung unzufrieden, treten aus und gründen die ÖDP, die noch heute als Splitterpartei existiert.
3.2.1980 (Essen):
Neugründung der Essener GRÜNEN als KV der inzwischen gegründeten Bundespartei
14.2.1980 (Essen):
Laut Mitgliederrundbrief vom 14.2.1980 fing der neue KV mit einem Kassenbestand von 3.300 DM an, die im wesentlichen aus Wahlkampferstattungen stammten - ein Erbe der Wählergemeinschaft







